Skip to content

Das Literarische Quartett ...

... hat sich nach Thomas Mann (2005) in diesem Jahr einen weiteren Jubilar als Thema einer Sondersendung erwählt: Heinrich Heine. Das ZDF hat die Diskussion über den 1856 verstorbenen Dichter am vergangenen Freitag - und 3sat am Samstag als Wiederholung - ausgestrahlt.

Nicht nur ich, auch Peter Henning von Spiegel Online hat sich dazu ein paar Gedanken gemacht; lakonisch stellt er fest: "Der Alte ist immer noch ziemlich gut in Form." Stimmt. Gleich zu Anfang referierte Marcel Reich-Ranicki in gewohnter Ausführlichkeit Heines Leben; und doch fiel mir nur allzu bald die von Henning erwähnte "Altersmilde" auf, ließ er sich doch durchaus unterbrechen; und auch im Verlauf des folgenden Gesprächs hielt er sich bisweilen zurück oder erteilte - wie ein Regisseur, aber eben doch ein "milder" im Vergleich zu früher - anderen das Wort.
Mit "gelegentlichen Energieabfällen" meint Henning wohl vor allem die Stelle, an der MRR mit "Heine war ein Publikum für ..." begann und erst bei der zweiten Korrektur den Satz richtig formulierte: "Heine war ein Dichter für das Publikum."

Ja, aber ich als alter Heine-Kenner und -Verehrer möchte hinzufügen: Das war ihm zunächst nicht unbedingt bewußt; und was hätte auch für ihn als Verstoßenen, als Exilanten, "das Publikum" sein sollen? Deutschland?

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
so bin ich um den Schlaf gebracht.


Und Frankreich? Die romantische Schule war durchaus der französischen Leserschaft zugedacht. Das Buch der Lieder - das wohl publikumswirksamste Werk Heines - dagegen sicher nicht.

Im selben Atemzug wie die Publikumsbezogenheit stellte MRR die These auf, Heine habe "die Romantik reformiert", romantische Motive "von sich gestoßen" und gleichzeitig einen "romantischen Geist beibehalten".
Uff!
Iris Radisch konnte dies nicht auf sich sitzen lassen: Heine habe nichts von sich gestoßen, sondern im Gegenteil, die Blümelein, der Mai et cetera, das sei "alles da" (im Buch der Lieder); und die Begeisterung der Leser resultiere aus dem "Abzug der Moderne", man wolle die Zerstörung in den letzten Versen so mancher Gedichte nicht sehen.
Irgendwo haben sie beide recht; irgendwo aber auch nicht. Denn "von sich gestoßen" hat Heine in der Tat nichts, sondern er hat die romantischen Motive in einen neuen Kontext gesetzt, in den der (Selbst-)Ironie und des Humors nämlich, und das auf eine weitaus scharfzüngigere und wagemutigere Art und Weise, als Hellmuth Karasek zufolge die Romantik ohnehin stets die Tendenz zur Selbstentzauberung habe.

Das Fräulein stand am Meere, das von Radisch zitierte Gedicht, besitzt diese Ironie - ja. Ein Jüngling liebt ein Mädchen, von Karasek vorgebracht, besitzt sie ebenfalls, auch wenn die Damen und Herren dies nicht bemerkt haben (man beachte bloß die Wortwahl des letzteren Gedichts). Aber es gibt viel bessere Beispiele, gerade im Hinblick auf die Präsenz und Funktion der von Radisch angeführten Motive mit ihren immer wiederkehrenden Diminutiven:

Wenn der Frühling kommt mit dem Sonnenschein,
Dann knospen und blühen die Blümlein auf;
Wenn der Mond beginnt seinen Strahlenlauf,
Dann schwimmen die Sternlein hintendrein;
Wenn der Sänger zwei süße Äuglein sieht,
Dann quellen ihm Lieder aus tiefem Gemüt; -
Doch Lieder und Sterne und Blümelein
Und Äuglein und Mondglanz und Sonnenschein,
Wie sehr das Zeug auch gefällt,
So macht's doch noch lang keine Welt.


Manchmal ist die Schlußpointe auch noch schärfer, fast morbide:

Die blauen Veilchen der Äugelein,
Die roten Rosen der Wängelein,
Die weißen Lilien der Händchen klein,
Die blühen und blühen noch immerfort,
Und nur das Herzchen ist verdorrt.


Man liebe des weiteren das "Jonglieren mit den Motiven", fährt Radisch fort. Ja, aber das liebt man nicht nur bei Heine. Unter seinen bunten Kugeln sind es die schwarzen, die auffallen, die reizen.

MRR fällt ein: Aber Frau Radisch, was haben sie sich da eben geleistet! Ungenügend! Zerstörung gebe es nicht!
Aber durchaus, lieber MRR. Oder was bewirkt denn eine Pointe, wie sie die obig zitierten Gedichte aufweisen?

Karasek zufolge habe Heine einen "Alltagston" gefunden. Ja, jetzt kommen wir der Sache näher. Es ist die Sprache, die bei Heine so besonders ist. Manchmal alltäglich ("... und wem sie just passieret ..."), manchmal aber auch überzogen, von gewollten, nicht gebräuchlichen Lehnworten durchsetzt, doch der scheinbare Dilettantismus hat sarkastisches System:

Die Erde war so lange geizig,
Da kam der Mai, und sie ward spendabel,
Und alles lacht, und jauchzt, und freut sich,
Ich aber bin nicht zu lachen kapabel.

Die Blumen sprießen, die Glöcklein schallen,
Die Vögel sprechen wie in der Fabel;
Mir aber will das Gespräch nicht gefallen,
Ich finde alles miserabel.

Das Menschenvolk mich ennuyieret,
Sogar der Freund, der sonst passabel; -
Das kömmt, weil man Madame titulieret
Mein süßes Liebchen, so süß und aimabel.


Daß Heine anders schreibt als Mörike oder Eichendorff, muß man anhand dieser Beispiele nicht erst betonen, wie es MRR in der ZDF-Sendung tat; und man muß es genausowenig darauf schieben, daß er "Europäer wurde", während Mörike sich mit seinem Schwabenland zufriedengab. Vielleicht wäre Mörike auch gern nach Paris gegangen; wissen wir's? Jedenfalls war er mit seiner Pfarrstelle mehr als unglücklich, was die Vermutung nahelegt, daß auch er sich nach Weite, nach Weltluft und nach einem anderen Beruf (!) gesehnt haben mag.
Heine sei die Synthese aus Intellekt und Poesie gelungen, weiß MRR weiter, mitunter durchbricht demnach die Vernunft die luzide Imagination.
Tatsächlich? frage ich mich; denn ein Vers wie "Und nur das Herzchen ist verdorrt" dient ja nicht dazu, das bisher Gesagte des Gedichts mit einer abstrakten oder "vernünftigen" Formulierung abzurunden, sondern es mit bitterem Humor zu versüßen. Und bittersüß-ironisch war Heine zweifelsohne; der beinahe achtzehnjährige Robert Schumann bezeichnete im Mai 1828, nach einem Besuch bei dem Dichter in München, denselben in seinem Tagebuch als "ironisches Männchen".
Allerdings war Heine durchaus kein Zyniker, da hat MRR ganz recht. Denn Zynismus hat nichts Komisches. Heine schon.

Was sagt eigentlich Monika Maron zu all dem? Nicht viel. Sie "wirkte wie eine, die einem Trio beim Musizieren lauscht,- die Geige andächtig auf den Knien", wie es der Spiegel-Redakteur vorsichtig ausdrückt. Leider war Maron, anders als Radisch, noch nicht mit der Gesprächsdynamik des Quartetts vertraut und nahm sich nicht wie diese einfach ab und zu das Wort. Schade; denn sie hätte gewiß vieles beitragen können, oder doch wenigstens das von ihr vorbereitete Heine-Gedicht. Leider sollte es dazu nicht kommen.

MRR führt derweil weiterhin ins Feld, daß Heine "klare Gedanken einfach formuliert" habe und daß er die "Schlichtheit" seiner Werke sehr liebe. Er sollte Walter Helmut Fritz lesen, dessen Lyrik und Prosa mehr als klar und einfach und schlicht ist. Sie ist fast karg. Lesen, MRR.

Zuletzt habe ich mir notiert, was MRR und Karasek über die Vertonungen sagten. Denn eines war so falsch - oder doch zumindest fragwürdig - wie das andere. Der einstige Literaturpapst behauptete, die Schumann-Lieder machten Heines Gedichte "nicht kaputt". Sein laut Peter Henning durch "erfrischende(...) Geistesklarheit" glänzender (und dennoch stets liebreizend-verständnislos dreinschauender) Kritikerkollege meinte beifällig, die Komponisten hätten "eine Einheit geschaffen".
Liebe Leute: So kann man das nicht stehenlassen.
Denn Schumann hat in seinem - vielleicht bekanntesten - Zyklus namens "Dichterliebe" einige Gedichte aus dem "Lyrischen Intermezzo" (1822-1823), welches Teil des Buch der Lieder ist, ausgewählt und diese in eine neue, ich möchte fast sagen, dramaturgische Wirkung erzeugende Ordnung gebracht (Liebesglück - Ahnung des Betrugs, des Nebenbuhlers - Liebesleid und Abschied). Diese war von Heine natürlich so nie intendiert. Daher kann man wohl kaum von einer "Einheit" sprechen. Noch dazu hat Schumann manche Gedichte - großartig, gewiß, vertont, aber eben auch auf eine Weise, die der Heineschen Intention nicht zwangsläufig gerecht wird. Man denke nur an "Im Rhein, im schönen (bei Schumann: heiligen) Strome" und sein gewichtiges Baßfundament, welches die Ironie des Vergleichs der Jungfrau Maria mit dem "Liebchen" völlig außer Acht läßt; oder man denke an "Allnächtlich im Traume", wo Schumann die Pointe, den "Strauß von Cypressen", Grabesblumen, musikalisch ignoriert. Ganz zu schweigen von dem (nicht vertonten) Prolog des "Lyrischen Intermezzo", welches durch das Zurückbleiben des Ritters in seinem "Poetenstübchen" auf den romantisch-illusionären Charakter der Wirklichkeit hindeutet, in der sich das ganze "Intermezzo" abspielt, zumal der Hinweis innerhalb desselben an exponierter Stelle steht.

Nun, es sei, wie es sei. Auch das Heine-Jahr wird vorübergehen; doch die Werke des großen Dichters, wie auch ihre wunderbaren Vertonungen, werden uns erhalten bleiben, und das ist ein guter, ein inspirierender Gedanke, denn Heine gehört sicherlich zu den Leuchtfeuern der neueren deutschen Literatur.

Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Formular-Optionen

Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!